Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Alternative Open-Access-Modelle: Erfahrungen des Open Gender Journal

Autorin: Kathrin Ganz

 

 

Open Access gilt als Schlüssel zu einer offeneren Wissenschaft, und die Wege dorthin sind vielfältig. Michael Czolkoß-Hettwer beschreibt im DVPW-Blog, wie schwierig es ist, die Idee freier Zugänglichkeit mit den Realitäten kommerzieller Publikationsmodelle zu verbinden. Vor diesem Hintergrund werden alternative Formen des wissenschaftlichen Publizierens zunehmend ernsthaft diskutiert und auf wissenschaftspolitischer Ebene stärker unterstützt, etwa durch den Rat der Europäischen Union oder die Allianz der Wissenschaftsorganisationen.

Gerade in den Sozial- und Geisteswissenschaften gibt es eine Vielzahl von nicht-gewinnorientierten Open-Access-Projekten in der Hand von Wissenschaftler*innen und wissenschaftlicher Einrichtungen, die Open Access im Diamond-Modell umsetzen, das heißt gebührenfrei für Leser*innen und Autor*innen. Diese Form des scholar-led publishing bringt im Hinblick auf Finanzierung, Sichtbarkeit und Arbeitsaufwand eigene Herausforderungen mit sich, eröffnet aber auch neue Chancen für eine transparente und faire Publikationskultur. Ein Beispiel ist das Open Gender Journal, eine Diamond-Open-Access-Zeitschrift für die Geschlechterforschung, die von der wissenschaftlichen Community getragen wird und Open Science praktisch umsetzt.

Diamond-OA in den Gender Studies

Das Open Gender Journal wurde 2016 mit dem Ziel gegründet, die Open-Access-Transformation in der Geschlechterforschung aktiv mitzugestalten. Seit der ersten Ausgabe erscheinen die Beiträge unmittelbar und gebührenfrei im Open Access. Die Zeitschrift setzt auf etablierte Verfahren der Qualitätssicherung wie das doppelt anonyme Peer Review sowie eine hohe Prozessqualität in Bezug auf technische und organisatorische Abläufe. Sie nutzt freie Lizenzen, persistente Identifikatoren, verfügt über Verfahren zur Langzeitarchivierung und Versionierung sowie über Ethik- und Forschungsdatenrichtlinien. Das Open Gender Journal verfolgt aktuelle Entwicklungen des Open-Access-Publizierens, um sie auf eine für die Geschlechterforschung sinnvolle Weise zu adaptieren, darunter auch das Thema Open Peer Review (siehe den Beitrag von Franciska Heenes im DVPW-Blog).

 

 

 

Das Governance-Modell des Open Gender Journal verbindet institutionelle Trägerschaft mit redaktioneller Selbstorganisation, deren Grundlage eine Kooperation zwischen der Fachgesellschaft Geschlechterstudien und vier Geschlechterforschungseinrichtungen an der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität zu Köln und der Universität Wien ist. Gemeinsam tragen sie die finanzielle und rechtliche Verantwortung für die Zeitschrift. Ein Mitglied des Vorstandes der Fachgesellschaft und die wissenschaftlichen Leitungen bzw. Geschäftsführer*innen der Einrichtungen fungieren als Herausgeber*innen der Zeitschrift. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei der rund 15-köpfigen wissenschaftlichen Redaktion, die aus ihren Reihen eine Redaktionsleitung wählt. Die Koordination der redaktionellen Abläufe übernimmt eine Person in der Rolle des Editorial Management. Im Gegensatz zur ehrenamtlichen Redaktionsarbeit wird diese Tätigkeit bezahlt. Im Rahmen eines aktuellen Projektes ist das Editorial Management unter anderem für die Implementierung der Policies des Journals, für Netzwerkarbeit und die Weiterentwicklung von Redaktionsworkflows verantwortlich. Das Open Gender Journal erscheint beim Open-Access-Universitätsverlag Berlin Universities Publishing (BerlinUP). Auf Basis von Open Journal Systems betreibt BerlinUP eine voll eingerichtete Publikationsplattform, übernimmt Hosting, Software-Support, die Vergabe von DOIs sowie Metadaten- und Archivierungsdienste.

Open Science und digitales Publizieren

Der Einsatz des Open Gender Journals für eine offene Forschungskultur geht über Open Access hinaus. Im Sinne der UNESCO-Empfehlungen für Open Science soll Forschung nach den FAIR-Prinzipien und unter der Berücksichtigung forschungsethischer und rechtlicher Rahmenbedingungen so offen wie möglich zugänglich, auffindbar, interoperabel und wiederverwendbar gestaltet werden. Ein konkreter Weg, um als Zeitschrift den offenen Umgang mit Forschungsdaten, -materialien und -prozessen zu fördern, sind Data Availability Statements. Autor*innen zu ermutigen, Forschungsinstrumente wie etwa Leitfäden qualitativer Interviews, Fragebögen oder Skripte zur Datenerhebung offenzulegen und ggf. als Zusatzmaterial zu veröffentlichen, setzt eine intensive redaktionelle Begleitung des Publikationsprozesses voraus.

Eng damit verbunden ist die Frage, wie die Möglichkeiten des digitalen Publizierens stärker ausgeschöpft werden können. Multimediale Elemente, interaktive Datenvisualisierungen oder Beiträge, die Text, Bild, Ton und Code miteinander verbinden, können neue Formen der wissenschaftlichen Kommunikation eröffnen. Erste Ansätze dafür zeigt ein jüngst erschienenes Special Issue des Open Gender Journal mit dem Titel „membra(I)nes - Technologien, Theorien und Ästhetiken von Un/Durchlässigkeit“, in der Beiträge der 12. Jahrestagung der Fachgesellschaft Geschlechterstudien veröffentlicht worden sind. Die Ausgabe enthält neben Forschungsartikeln und Essays auch einige künstlerische Beiträge, die mit interaktiven digitalen Formaten arbeiten.

Skalierung und Vernetzung

Wie viele scholar-led Open-Access-Zeitschriften arbeitet auch das Open Gender Journal mit Prozessen, die noch nicht in allen Bereichen optimal skalieren. Wo große Verlage Abläufe zunehmend automatisieren und global auslagern, setzen unabhängige Zeitschriften vielfach noch auf kleinteilig organisierte Arbeitsschritte. Abhilfe schaffen hier öffentliche Publikationsinfrastrukturen von Anbietern wie BerlinUP. Die DFG-geförderte Servicestelle Diamond Open Access arbeitet zudem an Projekten zur besseren Sichtbarkeit von Zeitschriften und an der Entwicklung optimierter XML-Workflows – ein Thema, das besonders spannend ist, weil sich damit perspektivisch die Aufbereitung von Artikeln vereinfachen lässt. Im Rahmen eines DFG-Projektes beschäftigt sich das Open Gender Journal aber auch selbst mit der Automatisierung von Prozessen und KI-gestützten Werkzeugen im Redaktionsalltag. Ziel ist es, mehr Zeit für inhaltliche und kommunikative Aufgaben nutzen zu können.

Damit von Wissenschaftler*innen getragene Open-Access-Zeitschriften konkurrenzfähig sind und die Möglichkeiten des digitalen Publizierens wirklich ausschöpfen können, braucht es nicht nur verlässliche Infrastrukturen, sondern auch ausreichend Personal und gut entwickelte Prozesse, die redaktionelle Arbeit dauerhaft absichern. Dieses Modell steht für ein dezentrales, kooperatives Publikationsökosystem, das auf Austausch und Zusammenarbeit setzt – ein Ansatz, den Adema und Moore (2021) als scaling small beschreiben. In dieser Perspektive entsteht Reputation nicht durch Größe oder Marktmacht, sondern durch Qualität, Transparenz und Vernetzung. Wenn kleinere, gemeinschaftlich organisierte Zeitschriften enger kooperieren, können sie gemeinsam die Sichtbarkeit und Anerkennung wissenschaftsgeleiteten Publizierens stärken und so eine glaubwürdige, öffentlich getragene Alternative zu den Verlagsoligopolen aufbauen.

Nachhaltigkeit als Voraussetzung für den Aufbau von Renommee

Zeitschriften wie das Open Gender Journal zeigen, dass wissenschaftliches Publizieren jenseits kommerzieller Modelle möglich ist. Sie verbinden Qualitätsstandards mit Offenheit, fördern eine faire Publikationskultur und schaffen Räume für digitale und kollaborative Formen des wissenschaftlichen Austauschs. Drittmittelprojekte spielen dabei eine wichtige Rolle, denn sie ermöglichen es, Zeitschriften strategisch zu entwickeln und Erfahrungen systematisch in die Community zurückzuspielen.

Zugleich bleibt die Finanzierung des redaktionellen Tagesgeschäfts prekär. Initiativen wie das KOALA-Konsortialangebot und das SocioHub-Zeitschriftenbündel, an denen das Open Gender Journal partizipiert, entwickeln Verfahren für eine gemeinsame Finanzierung durch Bibliotheken und öffentliche Einrichtungen. Die Herausforderung der langfristigen Finanzierung insbesondere des Editorial Managements verweist aber auch auf eine größere Strukturfrage im deutschen Wissenschaftssystem: Wie kann eine Arbeitsteilung etabliert werden, die wissenschaftliche Daueraufgaben auch jenseits des Stellenprofils der Professur abbildet? Der Aufbau von Reichweite, Relevanz und Vertrauen braucht langfristige personelle Ressourcen und stabile Rahmenbedingungen – ganz gleich, ob Wirkung künftig über Zitationsmetriken oder alternative Formen der Forschungsbewertung gemessen wird. Auf diese Zusammenhänge verweist auch Marcel Wrzesinski auf dem DVPW-Blog. Der Beitrag von Diamond-Open-Access-Initiativen liegt damit nicht allein in der Bereitstellung gebührenfreier Publikationswege, sondern in der aktiven Mitgestaltung des Wissenschaftssystems.

Hinweis: Dieser Beitrag basiert auf dem geplanten Vortrag „Community-driven Open Access: Reputation, Governance und Skalierbarkeit bei alternativen Publikationsmodellen“ (musste kurzfristig abgesagt werden) von Kathrin Ganz beim 29. DVPW-Kongress „Politik in der Polykrise“ am 24. September 2024 auf dem  Panel „Open Access in der Politikwissenschaft: Chancen und Fallstricke angesichts dysfunktionaler Marktstrukturen“. Die Folien dazu sind bei Zenodo veröffentlicht.

Über die Autorin:

Kathrin Ganz ist im Wintersemester 2025/26 Gastprofessorin für Gender- und Diversity-Forschung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Darüber hinaus arbeitet sie am Margherita-von-Brentano-Zentrum der FU Berlin und ist Redaktionsleiterin des Open Gender Journal.

 

Über die Rubrik "Pollux. Für die Politikwissenschaft"

In der Rubrik “Pollux. Für die Politikwissenschaft” berichtet das Team vom Fachinformationsdienst (FID) Politikwissenschaft - Pollux regelmäßig von neuen Angeboten und Entwicklungen aus den Bereichen Literaturrecherche, Open Access, Forschungsdatenmanagement, Wissenschaftskommunikation und weiteren Themen, die Informationsinfrastrukturen betreffen. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen, Anregungen, Fragen und Kritik an .

Mehr Informationen unter: www.pollux-fid.de

Aktuelles bei Bluesky  und Mastodon fidpol@polsci.social

Anmeldung zum Newsletter: https://www.pollux-fid.de/newsletter