Aus Extrem wurde Normal: Die Entwicklung der äußersten Rechten in Deutschland
Wie lässt sich das Erstarken der äußersten Rechten in liberalen Demokratien erklären? In meiner Dissertation zeige ich, dass öffentliche Debatten zentral für die Verankerung der äußersten Rechten sind, da sie Sichtbarkeit, Legitimität und politischen Einfluss ermöglichen. Ohne öffentliche Sichtbarkeit bleiben extreme Akteure am Rande der Gesellschaft und sind nicht in der Lage, die breite Öffentlichkeit zu erreichen und Unterstützung zu mobilisieren. Um das Erstarken extremer Akteure zu erklären, entwickle ich in meiner Dissertation das sogenannte diskursive Mainstreaming-Modell.
Diskursives Mainstreaming beschreibt diesen schrittweisen Prozess, durch den rechtsradikale und rechtsextreme Ideen in öffentlichen Debatten Sichtbarkeit, Resonanz und Legitimität gewinnen. Zunächst erlangen extreme Akteure die nötige Sichtbarkeit, um Themen wie Migration auf die öffentliche Agenda zu setzen, beispielsweise in Talkshows und auf den Titelblättern der Zeitungen. Dann gewinnen ihre Themen und Forderungen an Resonanz, weil andere, als legitim wahrgenommene Akteure wie Parteien und die Massenmedien auf sie reagieren. Wenn extreme Ideen auf Resonanz stoßen und sich in der Öffentlichkeit verbreiten, beeinflussen sie die öffentliche Wahrnehmung. Dies stärkt die öffentliche Legitimität der Forderungen extremer Akteure und schlägt sich letztlich in der Unterstützung bei Wahlen nieder. Öffentliche Debatten können also als Signal für Entwicklungen gesehen werden, die sich im nächsten Schritt in politischen Handlungen und Wahlergebnissen manifestieren.
In meinen empirischen Studien untersuche ich wie und unter welchen Bedingungen rechtsradikale und rechtsextreme Akteure und Ideen politische Debatten und Parteien in Deutschland beeinflusst haben – sowie welche Rolle Terroranschläge und Vorurteile dabei spielen. Dafür setze ich innovative Methoden wie automatisierte Textanalysen ein und kombiniere sie mit experimentellen Designs, um kausale Schlussfolgerungen zu ermöglichen.
Der zunehmende Einfluss auf öffentliche Debatten über Identität, Migration und Islam
Im ersten Schritt habe ich aus einer Vogelperspektive auf öffentliche Debatten der letzten 30 Jahre geblickt, um langfristige Entwicklungen statt kurzfristiger Wahlanalysen sichtbar zu machen. Auf Basis von über 500.000 Zeitungsartikeln aus sechs Zeitungen und mithilfe automatisierter Text- und Netzwerkanalysen habe ich nachvollzogen, welche Akteure über welche Themen Sichtbarkeit erhielten und wie die äußerste Rechte Themen setzte, wer darauf reagierte und wann sie besondere Aufmerksamkeit bekam. Die Analysen zeigen klar, dass die äußerste Rechte seit den 1990er Jahren stetig an Sichtbarkeit gewonnen hat – besonders in Debatten über Migration und Islam im Kontext der „Flüchtlingskrise“ und nach Terroranschlägen. Die AfD brachte rechtsextreme Akteure und Ideen aus der Isolation in die Mainstream-Debatte, setzte policy-orientierte Themen und prägte die öffentliche Diskussion, noch bevor sie 2017 in den Bundestag einzog.
Zugleich zeigen meine empirischen Textanalysen, dass Akteure und Themen der äußersten Rechten in den letzten 15 Jahren zunehmend die Kommunikation demokratischer Parteien beeinflusst haben, insbesondere in Migrationsdebatten, wobei Oppositionsparteien häufiger auf die Themensetzung reagierten als Regierungsparteien. Insgesamt stellt meine Langzeitstudie die lange gültige Annahme infrage, Deutschland habe sich durch konsequente Abgrenzung erfolgreich gegen rechtsextreme Mobilisierung geschützt – ein Verhalten, das sich seit den 2000er Jahren deutlich verändert hat.
Einsame Wölfe versus kollektive Bedrohungen: Auf rechtsextreme und islamistische Anschläge wird unterschiedlich reagiert
Die zweite Triebkraft für die Normalisierung der äußersten Rechten sind Krisenmomente, die radikalen Akteuren ermöglichen, öffentliche Debatten zu beeinflussen. Meine zweite große Fallstudie, eine Inhaltsanalyse massenmedialer Debatten über die sieben tödlichen islamistischen und rechtsextremen Anschläge in Deutschland von 2015 bis 2020, zeigt, dass die äußerste Rechte von beiden Anschlagstypen profitierte. Beide boten ihr eine Plattform zur Gestaltung öffentlicher Debatten, weil islamistische Anschläge als „importierte“ kollektive Bedrohung instrumentalisiert wurden, während rechtsextreme Anschläge als Taten „einsamer Wölfe“ individualisiert wurden.
Die demokratischen Parteien spielten bei der öffentlichen Interpretation dieser Anschläge aktiv mit. Anstatt die Perspektive der Opfer und Betroffenen einzunehmen und ihren Forderungen Sichtbarkeit und Gehör zu verschaffen, reagierten sie zum überwiegenden Teil auf die Themen und Forderungen der äußersten Rechten. So verknüpften sie die islamistischen Anschläge mit den Themen Religion und Migration, was den Akteuren der äußersten Rechten als „Issue Owner“ dieser Themen in die Hände spielte.
Verzerrte Bedrohungswahrnehmungen und Vorurteile sind weit verbreitet
Um zu untersuchen, inwieweit verzerrte Debatten um Sicherheitsbedrohungen und rechtsextreme Deutungsmuster sich auch im Denken von Menschen festsetzen, führte ich ein repräsentatives Umfrageexperiment mit über 2.800 Befragten durch. Die Befragten lasen Zeitungsartikel über fiktive, aber realistische islamistische und rechtsextremistische Terroranschläge. Die Ergebnisse einer anschließenden Befragung zeigten, dass rechtsextreme Anschläge eher als Vorfälle wahrgenommen werden, die von einem „einsamen Wolf“ begangen wurden, und weniger stark mit assoziierten Gruppen und dem sozialen Umfeld in Verbindung gebracht werden. Im Gegensatz dazu werden islamistische Anschläge eher mit der breiteren Gruppe der Muslim*innen in Verbindung gebracht, die häufig für die Anschläge verantwortlich gemacht werden. Das führt zu einer größeren Bereitschaft in der Bevölkerung, restriktive staatliche Gegenmaßnahmen, wie beispielsweise eine verstärkte Überwachung bestimmter Gruppen, zu unterstützen.
Diese Wahrnehmungen widersprechen gesicherten Erkenntnissen zur Radikalisierung und Bedrohungslage und zeigen, wie bestehende Vorurteile durch öffentliche Debatten über Terroranschläge weiter verstärkt werden.
Fazit: Wie demokratischen Parteien, Medien und ihre Reaktionen auf Terroranschläge zur Normalisierung beitragen
Wie konnte es dazu kommen, dass in Deutschland rechtsextreme Positionen zunehmend unterstützt und aktiv gewählt werden? Als erste systematische Langzeitstudie zur Normalisierung der äußersten Rechten in öffentlichen Debatten in Deutschland hat meine Dissertation einen wichtigen Schritt zur Beantwortung dieser Frage geleistet. Während lange angenommen wurde, die Lehren aus dem Holocaust hätten eine politische Kultur geschaffen, die ein Wiedererstarken der extremen Rechten verhindere, zeigen meine empirischen Studien, dass die extreme Rechte heute nicht mehr am Rand steht. Meine Forschung macht deutlich, dass wir den Blick über Wahlerfolge hinaus weiten müssen: Entscheidend ist, wie andere Akteure mit großer Reichweite und Legitimität zur Stärke der extremen Rechten beitragen, wie öffentliche Debatten ihnen Sichtbarkeit, Resonanz und Zugang zu Institutionen verschaffen und demokratische Parteien ihre Themen – besonders in Krisenzeiten – übernehmen. Die Ergebnisse meiner Arbeit sind nicht nur für den deutschen Kontext wichtig, sondern leisten auch einen Beitrag zu wissenschaftlichen und politischen Debatten in anderen liberalen Demokratien.
Die Schlussfolgerung, die ich aus den empirischen Ergebnissen meiner Dissertation ziehe, ist, dass die konsequente Umsetzung einer diskursiven Brandmauer sowohl durch die Massenmedien als auch durch die demokratischen Parteien wichtig ist, um die Normalisierung der äußersten Rechten zu verhindern. Die Umsetzung der diskursiven Brandmauer heißt, rechtsextreme Inhalte nicht zu reproduzieren. Wer die Deutungsrahmen und Themen der extremen Rechten übernimmt, fördert deren Verbreitung und bietet rechtsextremen Ideologien eine Plattform. Das hat fatale Auswirkungen auf unsere Demokratie.
Über die Autorin:
Teresa Völker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind politische Kommunikation, Parteien und Protest in Demokratien mit einem besonderen Fokus auf die extreme Rechte. Für ihre 2024 an der Freien Universität Berlin abgeschlossene Dissertation “Mainstreaming the Far Right: How Far-Right Actors und Ideas Shape Public Debates” erhielt sie den DVPW-Dissertationspreis 2025.