Welches Wissen floss in die deutsche Afghanistanpolitik?
Der Afghanistaneinsatz gilt nach dem Abzug internationaler Truppen und der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 als gescheitert. Bei der Aufarbeitung dieses Scheiterns im Kontext der Enquete- und Untersuchungskommission (2022-2025) ging es auch stark darum, wer zu welcher Zeit was über Afghanistan wusste. Eine bisher weniger beachtete, aber wichtige Frage ist: Welche Strukturen bestimmen, welche Art von Wissen entsteht und wie es verbreitet wird? Was wird als wichtig oder unbedeutend wahrgenommen? Wissen entsteht durch menschliches Handeln. Besonders in der komplexen Welt der Außenpolitik gibt es kein objektives oder neutrales Wissen, auch wenn den Akteur*innen dies möglicherweise nicht bewusst ist.
Afghanistanwissen in Deutschland: Unsere Fragen und Daten
In unserer Studie „Wissensproduktion für die deutsche Interventionspolitik: Der Fall Afghanistan“ fragen wir: 1) In welchen Bereichen wurde in Deutschland Wissen über Afghanistan geschaffen? 2) Wurde dieses Wissen zwischen verschiedenen Bereichen ausgetauscht, also zirkulierte es? 3) Wie sah diese Zirkulation aus, was beeinflusste sie? Wir analysieren diese Fragen mit Hilfe einer selbst erstellten Datenbank über Afghanistanexpert*innen in Deutschland. Sie umfasst 133 in Deutschland von 2001-2022 tätige Afghanistanexpert*innen. Die Datenbank erfasst, ob eine Person eher auf die Region Afghanistan/Zentralasien spezialisiert war oder auf Sicherheitspolitik allgemein (Regional- oder Themenexpert*in), die Anzahl ihrer Veröffentlichungen zu Afghanistan, den aktiven Zeitraum als Afghanistanexpert*in, die Art der Anstellung und die institutionelle Zuordnung (Universität, Thinktank, Politik). Wir stellen fest, dass Wissen zu Afghanistan grundsätzlich zwischen Wissenschaft, Denkfabriken und Politik zirkulieren kann, es jedoch Strukturen gibt, die die Bewegung des Wissens deutlich einschränken.
Wissensaustausch ist grundsätzlich möglich
Die Studie zeigt, dass es drei Hauptbereiche gibt, in denen Wissen über Afghanistan in Deutschland entsteht: an Universitäten, in Thinktanks und in der Politik. Diese Bereiche arbeiten nach unterschiedlichen Prinzipien. Es ist jedoch möglich, dass Personen zwischen ihnen wechseln, was den Austausch von Wissen erlaubt. Viele Expert*innen arbeiten im Laufe ihrer Karriere in unterschiedlichen Bereichen (39% arbeiten in zwei und 15% in drei verschiedenen Institutionstypen, siehe Abbildung 1). Der Austausch von Personen zwischen Universitäten, Thinktanks und der Politik scheint nicht das Problem zu sein. Allerdings sind Schwierigkeiten bei der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik möglich. So kann es passieren, dass Wissenschaftler*innen zwar angehört werden, ihr Wissen aber als schwer umsetzbar angesehen wird.
Tiefes Wissen über Afghanistan wird wenig wertgeschätzt
Unsere Analyse zeigt auch die Grenzen beim Wissensaustausch. Afghanische Expert*innen fehlen weitgehend; nur zwei der 133 Personen sind in Afghanistan geboren. Das ist bemerkenswert, da die Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan lange zurückreichen und die afghanische Diaspora in Deutschland groß ist. Wir stellten außerdem fest, dass detailliertes Wissen über Afghanistan nicht hoch geschätzt wird. Das zeigt sich an verschiedenen Faktoren. In Deutschland gibt es deutlich mehr thematische Expert*innen als Länder-/Regionalexpert*innen, also mehr solche, die sich allgemein mit Sicherheitspolitik beschäftigen und Afghanistan als ein Beispiel von vielen betrachten, als solche, die das Land tief kennen. (im Verhältnis 3:2, siehe Abbildung 2).
Auch die Tatsache, dass viele Expert*innen nur wenige Veröffentlichungen über Afghanistan haben (78% haben weniger als zehn Publikationen), deutet darauf hin, dass die meisten von ihnen nur einen Teil ihrer Arbeit diesem Thema widmen. Für die Mehrheit scheint es sich beruflich nicht zu lohnen, sich dauerhaft und tief mit Afghanistan zu beschäftigen (siehe Abbildung 3).
Geld und politische Trends bestimmen das Wissen
Die Analyse zeigt auch die materiellen Faktoren, die das Wissen zu Afghanistan in Deutschland beeinflussen. Wir erfassten die Arbeitsverhältnisse der Expert*innen im Jahr 2011, dem Jahr mit den meisten aktiven Expert*innen. Über die Hälfte von ihnen hatte befristete Anstellungen.
Auch wenn 45% feste Stellen hatten, konzentrierten sich diese meist allgemein auf Sicherheitspolitik, nicht speziell auf Afghanistan. In deutschen Thinktanks oder Universitäten gibt es keine dauerhaften Positionen, die sich ausschließlich mit Afghanistan befassen.
Die Aufmerksamkeit für Afghanistan unter Expert*innen hing oft von politischen Entwicklungen in Deutschland ab, nicht von Ereignissen in Afghanistan selbst. Ein Beispiel: Die Zahl der Expert*innen steigt nicht während der afghanischen Präsidentschaftswahlen (2004), sondern 2011, als das deutsche Mandat intensiv diskutiert wurde (siehe Abbildung 4).
Fazit:
Unser Beitrag liefert einen Teil der Erklärung dafür, warum die deutsche Außenpolitik von den Entwicklungen in Afghanistan nach dem NATO-Abzug überrascht wurde. In Deutschland wird außenpolitisch relevantes Wissen in verschiedenen Bereichen wie Universitäten, Thinktanks und Ministerien erzeugt. Wissensaustausch zwischen diesen Bereichen ist grundsätzlich möglich. Dieser Austausch ist jedoch durch verschiedene Faktoren eingeschränkt. Materielle Aspekte wie die Finanzierung spielen ebenso eine Rolle wie immaterielle Strukturen, etwa globale Ungerechtigkeiten. Diese Ungerechtigkeiten könnten erklären, warum afghanische Wissensexpert*innen nicht vorkommen und warum ein tiefergehendes Interesse an afghanischer Politik und Gesellschaft fehlt. Die bloße formelle Einbindung von wissenschaftlicher Expertise führt also nicht automatisch zu effektivem Wissensaustausch. Das gilt vor allem dann, wenn vorhandene Machtstrukturen verhindern, dass "fremdes" Wissen in Entscheidungen einfließt.
Über die Autor*innen:
Amelie Harbisch ist PostDoc der Universität Erfurt und Koordinatorin des Nachwuchskollegs "Center for Political Practices and Orders (C2PO)".
Sophia Hoffmann ist seit 2021 Professorin für Internationale Politik und Konfliktforschung an der Universität Erfurt.
Mia Geiger studiert im dualen Master International Security an der Sciences Po Paris und der Freien Universität Berlin.
Ben Jäger studiert im Bachelor Internationale Beziehungen an der Universität Erfurt.