Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Big Five und Wahlabsicht: welche Persönlichkeitsmuster begünstigen Änderungen in der Parteipräferenz?

6. November 2025

Autoren: Sebastian Jäckle und David Hamann

 

 

Während soziale Klassen und stabile Parteiidentifikation – insbesondere in westlichen Gesellschaften wie Deutschland – an Bedeutung verlieren, gewinnen individuelle Faktoren für das Verständnis von Wahlverhalten zunehmend an Relevanz. In unserer Studie „Personality Traits and Vote Switching“ haben wir untersucht, wie die Big Five Persönlichkeitsmerkmale – also Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus – beeinflussen, ob und wie Menschen ihre Parteipräferenz ändern. Dabei fokussieren wir einerseits auf die Frage, welche Persönlichkeitsmuster Menschen, die ihre Parteipräferenz ändern, ganz generell aufweisen (im Unterschied zu denjenigen, die eine stabile Parteipräferenz haben) – und andererseits, inwiefern Personen, die zur populistischen und rechtsextremen AfD wechseln, ein spezifisches Persönlichkeitsprofil aufweisen. Die statistische Analyse zeigt, dass die Offenheit und Gewissenhaftigkeit einer Person sich direkt auf eine höhere Wahrscheinlichkeit auswirkt die Wahlabsicht zu wechseln. In Bezug auf Populismusanfälligkeit, d.h. beim Wechsel der Wahlabsicht hin zur AfD, zeigt sich indes in einer Mediationsanalyse, dass die Big Five Kategorien durchaus relevant sind, ihre Gesamteffekte aber weniger durch direkte, als durch indirekte Effekte über den Mediator links-rechts-Selbstverortung getrieben werden. Dabei erhöht Gewissenhaftigkeit und reduzieren Offenheit und Verträglichkeit über den Zusammenhang mit der ideologischen Selbstverortung die Wahrscheinlichkeit eines Wechselns der Wahlabsicht hin zur AfD.    

Datengrundlage und statistischer Ansatz

Unsere Studie basiert auf Umfragedaten aus drei Wellen des Politikpanel Deutschland (2022–2023, N = 4.351). Die für uns zentrale Variable ist die Sonntagsfrage, aus der wir zwei Arten des Wechsels der Wahlabsicht generieren:

  1. Allgemeiner Wahlabsichtswechsel – ein Wechsel der Parteipräferenz unabhängig von der ideologischen Richtung.
  2. Populismusanfälligkeit – ein Wechsel von einer anderen Partei hin zur populistischen und rechtsradikalen AfD

Die Persönlichkeitsstruktur der Befragten wird über das validierte Big Five Inventory (BFI-10) abgefragt, bei der jedem Persönlichkeitsmerkmal zwei Items zugeordnet werden. Mittels logistischer Regressionen und unter Kontrolle weiterer Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und Region) testen wir den Zusammenhang zwischen den Big Five Merkmalen und dem Wechsel der Wahlabsicht, bzw. dem Wechsel hin zur AfD. Zusätzlich rechnen wir ein Mediationsmodell, um den direkten Einfluss der Persönlichkeitsmerkmale von einem über die politische Orientierung (gemessen über die politische Selbsteinstufung auf der links-rechts-Skala) vermittelten indirekten Effekt abzugrenzen.

Wer wechselt seine Wahlabsicht?

Zwei Persönlichkeitsmerkmale stechen besonders hervor: Offenheit und Gewissenhaftigkeit. Menschen, die sich als offen, neugierig und kreativ beschreiben, wechseln häufiger ihre Parteipräferenz – sie sind risikofreudiger und experimentierfreudiger, auch politisch. Überraschend ist jedoch, dass Gewissenhafte – also planvolle, pflichtbewusste und strukturierte Personen – ebenfalls überdurchschnittlich oft ihre Wahlabsicht ändern.

Wie Abbildung 1a zeigt, steigt die geschätzte Wahrscheinlichkeit eines Wechsels der Wahlabsicht von rund 30 % bei Personen mit minimaler Offenheit auf 42 % bei solchen, die maximal offen sind. Besonders gewissenhafte Personen haben sogar eine um etwa 18 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, ihre Wahlabsicht zu ändern, als diejenigen, die gar nicht gewissenhaft sind. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte sein, dass gewissenhafte Personen besonders sensibel reagieren könnten, wenn „ihre“ Partei Leistungsversprechen nicht einhält – sie wechseln dann zu einer Alternative, die aus ihrer Sicht konsequenter oder effizienter erscheint. Offenheit hingegen fördert Flexibilität und die Bereitschaft, neue politische Optionen auszuprobieren. Die anderen Persönlichkeitsmerkmale – Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus – spielen hingegen eine geringere Rolle.

 

 

Persönlichkeit und Anfälligkeit für populistische und rechtsradikale Parteien

In der aktuellen Situation, in der Parteien der Mitte immer mehr Stimmen verlieren, ist die Frage, welche Persönlichkeitsprofile einen Wechsel hin zur AfD wahrscheinlicher machen, von besonderer Bedeutung. Hier zeigt sich, dass es insbesondere einer der Big Five Faktoren ist, der relevant ist: die Gewissenhaftigkeit. Personen mit hoher Gewissenhaftigkeit haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, zur AfD zu wechseln (vgl. Abbildung 1b). Dies könnte daran liegen, dass sie stabile, hierarchische Ordnungen und klare Regeln bevorzugen – Werte, die mit rechtspopulistischen und nationalistischen Erzählungen korrespondieren. Die übrigen Persönlichkeitsmerkmale zeigen hingegen keine signifikanten Effekte auf den Wechsel der Wahlabsicht hin zur AfD.

Direkte oder indirekte Effekte?

Die von uns zusätzlich durchgeführte kausale Mediationsanalyse, bei der die links-rechts-Selbstverortung als Mediator fungiert, zeigt, dass der allgemeine Wechsel der Wahlabsicht insbesondere durch direkte Effekte der Big Five bedingt wird (vgl. Abbildung 2a). Indirekte Effekte via links-rechts Position spielen dagegen keine große Rolle. Anders beim Wechsel hin zur AfD. Hier sind die Gesamteffekte stark von den indirekten Effekten getrieben (vgl. Abbildung 2b). Offenheit und Gewissenhaftigkeit beeinflussen direkt, also unabhängig von der politischen Gesinnung, ob eine Person ihre Wahlabsicht generell leichter wechselt. Die Entscheidung hin zu einer populistischen und rechtsradikalen Partei zu wechseln, wird hingegen nicht direkt durch die Persönlichkeitsstruktur determiniert, sondern über die ideologische Grundhaltung vermittelt. So führt hohe Gewissenhaftigkeit häufig zu einer positiven Sichtweise auf ideologisch rechte Standpunkte, die wiederum die Anfälligkeit für Botschaften der AfD erhöht. Offenheit und Verträglichkeit wirken umgekehrt, weil sie eher mit links-liberalen Selbstbildern korrelieren.

 

Konsequenzen für das deutsche Parteiensystem

Die Befunde deuten auf eine zentrale Rolle der Persönlichkeit für das Wahlverhalten hin. Wenn stabile soziale Bindungen an Parteien schwächer werden, treten individuelle Eigenschaften stärker in den Vordergrund. Parteien, die ihre Kommunikation gezielt an bestimmte Persönlichkeitsprofile anpassen, könnten künftig erfolgreicher sein.

Für die deutsche Politik bedeutet das zweierlei:

  1. Strategische Kommunikation: Wahlkämpfe müssen stärker personalisiert werden. Offenheit und Gewissenhaftigkeit – die wichtigsten Prädiktoren für Wechselwahl – verlangen unterschiedliche Botschaften: Offene Menschen sprechen auf kreative, zukunftsorientierte Themen an; Gewissenhafte eher auf Ordnung, Effizienz und Verantwortungsbewusstsein.
  2. Demokratische Stabilität: Persönlichkeitsbedingte Anfälligkeit für Populismus zeigt, dass autoritäre Versuchungen nicht nur aus ökonomischem Frust entstehen, sondern tief in psychologischen Dispositionen wurzeln. Demokratische Parteien sollten daher langfristig stärker auf Wertebildung und politische Selbstverortung setzen – also auf die „innere Stabilisierung“ der Wähler.

Fazit

Unserer Analyse zufolge kann Persönlichkeit zumindest teilweise erklären, wer politisch flexibel bleibt und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweist, seine Wahlabsicht zu wechseln und wer andererseits (zumindest zwischen 2022 und 2023) seiner ursprünglichen Parteipräferenz treu bleibt. Besonders hohe Offenheit und hohe Gewissenhaftigkeit kennzeichnen die neuen Wechselwähler generell (direkter Effekt), während niedrige 

Offenheit und Verträglichkeit sowie hohe Gewissenhaftigkeit über den Zusammenhang mit ideologischer Selbstverortung (indirekter Effekt) den Weg zum Populismus – konkret in unserer Studie den Weg zur AfD – ebnen. Für Wahlforschung wie auch für die politische Praxis heißt das: Psychologische Faktoren und die Persönlichkeit der Wählerinnen und Wähler sollten nicht als reine Randnotizen wahrgenommen werden, sondern als zentrale Elemente moderner elektoraler Demokratien. Denn Parteien, die die „Sprache der Persönlichkeit“ verstehen – wie Caprara und Zimbardo es nennen –, könnten sowohl ihre eigenen Chancen an der Urne verbessern als auch hierdurch entscheidend beeinflussen, wie stabil oder volatil das deutsche Parteiensystem in Zukunft sein wird.

 

 

Über die Autoren:

Sebastian Jäckle ist Akademischer Oberrat am Seminar für Wissenschaftliche Politik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

David Hamann ist Masterstudent der Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.