Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Demonstrationsbeobachtung

Autor*in: Felix Anderl

 

 

Ziele und Konzept

Das zweisemestrige Forschungsseminar widmete sich der empirischen Analyse von Demonstrationen – einem zentralen Gegenstand politikwissenschaftlicher Protestforschung. Ziel war es, Studierende in die sozialwissenschaftliche Erhebung, Auswertung und Interpretation von Daten zu Protestereignissen einzuführen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, ein eigenes empirisches Forschungsprojekt zu konzipieren, operationalisieren und durchzuführen – und auf Basis der Auswertung eine eigene, teambasierte Publikation anzufertigen. Ausgangspunkt des Seminarkonzepts ist die oft widersprüchliche öffentliche Wahrnehmung von Demonstrationen – etwa hinsichtlich der Teilnehmendenzahl oder ihrer politischen Einordnung. Das Seminar setzte hier an: Mithilfe der Methoden der Protestforschung lernten die Studierenden, ein differenzierteres Bild von Demonstrationsteilnehmenden zu gewinnen.

Umsetzung

Im ersten Semester (Sommersemester 2024) wurden zunächst theoretische und methodische Grundlagen der Protest- und Bewegungsforschung erarbeitet. Die Studierenden lasen Schlüsseltexte, reflektieren die politische Funktion von Deutungsprozessen im öffentlichen Raum und erlernten Erhebungsmethoden wie standardisierte Fragebögen, systematische Beobachtung und Zufallsstichprobenziehung im Feld anhand von Fachliteratur und den publizierten Auswertungen ausgewählter Demonstrationsbefragungen. In einem ersten Feldversuch beobachtete das Seminar die 1.Mai-Demonstration am Tag der Arbeit in Frankfurt am Main. Hier stand die Schwierigkeit der Bestimmung von Teilnehmendenzahlen und die Kartierung unterschiedlicher Blöcke und Interessen im Fokus. Daraufhin wurde ein Demonstrationskalender kollektiv erstellt und in einem demokratischen Verfahren der Christopher Street Day (CSD) in Marburg ausgewählt. Mit Rückbezug auf Fragekataloge vergangener Demonstrationsbefragungen und der Meinungsforschung entwickelten die Teilnehmenden nun gemeinsam einen Fragebogen. Dieser musste mehrfach getestet, überarbeitet und gekürzt werden. Wir diskutierten das grundsätzliche Forschungsinteresse und potenzielle Forschungslücken. Hierfür recherchierten, lasen und diskutierten die Studierenden Forschungsliteratur zu Queer Prides und dem allgemeinen Wissensstand zu CSDs als Demonstrationsform und den dahinterstehenden Anliegen und kulturellen Praktiken.

Fragen der Forschungsethik waren hier besonders virulent. Die Studierenden lernten die Fallstricke bestimmter Formulierungen und diskutierten ausführlich über Positionalität sowie Grundprinzipien des „Do no Harm“ in der Forschungspraxis. Ich lud das Organisationsteam des CSD Marburg in unser Seminar ein, um den Fragebogen zu besprechen und die Studierenden lernten dabei nicht nur spezifische Sichtweisen und politische Hintergründe des CSD lebensnah kennen, sondern erfuhren auch von diskriminierenden Formulierungen und blinden Flecken im entworfenen Fragebogen, der daraufhin wiederum überarbeitet wurde.

Im Juli schließlich wurde der Fragebogen in eine Software eingespeist (limesurvey), Flyer und Namensschilder gedruckt, zwei Teams eingeteilt mit jeweils einer „Pointer*in“, die in einem systematischen Verfahren Teilnehmende auswählt, um Sampling-Bias der Befragenden zu verhindern, und die Route erkundet. Unser Forschungsprojekt wurde vom Lautsprecherwagen des CSD angekündigt. Die Teilnahme war freiwillig, anonym und konnte jederzeit abgebrochen werden. 232 Personen wurden persönlich angesprochen, um in Form eines Kurzinterviews oder über einen individualisierten QR-Code an der Befragung teilzunehmen. 115 Personen nahmen daran teil.

Im zweiten Semester (Wintersemester 24/25) stand die Datenaufbereitung und -auswertung im Mittelpunkt. Dabei wurden zunächst die Werte der jeweiligen Antworten auf alle Fragen gesammelt, geordnet und diskutiert. Hierbei wurden die Antworte mit dem state of the art verglichen. Anschließend erarbeiteten sich die Studierenden durch quantitative Analyseverfahren deskriptive Statistiken und Möglichkeiten der visuellen Darstellung und Korrelationen der Ergebnisse (etwa Zusammenhang soziodemographische Daten und politische Aussagen). So konnten zentrale Fragen zur sozialen Zusammensetzung, politischen Orientierung und Motivation der Teilnehmenden beantwortet werden. Neben den soziodemografischen Daten und allgemeinen Einstellungsfragen wurde mit der Befragung angestrebt, die Einstellung der Teilnehmer*innen gegenüber queer-spezifischen Themen wie den Interessen der LGBTQIA+ Community in Deutschland und in Marburg und der Bedeutung des CSDs zu ermitteln. Nichtsdestotrotz erkannten die Studierenden in der Diskussion, dass ihnen für die Beantwortung mancher Forschungsfragen eine gewisse „Tiefe“ fehlte. Daher entschieden wir uns für zusätzliche qualitative Interviews, um Motivationen und persönliche Bedeutungen besser zu verstehen und eine flankierende Medienanalyse, durch die der Kontext näher beleuchtet wurde (insb. die zunehmend feindlich gestimmte Stimmung gegen CSDs und körperliche Angriffe im Sommer 2025). Dies führte zu einer Betonung des Sicherheitsaspekts im Interesse der Studierenden.

Output und Lernerfolge

Die Gruppe es geschafft, einen substanziellen Forschungsbericht zu verfassen. Dieser wurde in gekürzter Form als Working Paper des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung veröffentlicht. Inhaltlich hat die Seminargruppe mit der Erforschung eines CSDs in einer Kleinstadt eine Forschungslücke geschlossen. Bisherige Forschung zu CSDs gab es ausschließlich in Metropolen. Es wurde empirisch herausgearbeitet, dass die inhaltliche Schwerpunktsetzung und sozio-demografische Zusammensetzung des Marburger CSDs von jenen abweicht, erstaunlicherweise insb. darin, dass der CSD besonders politisch war. Auch die besondere Bedeutung der Demonstration für die LGBTQIA+ Community und deren Selbstverständnis in der „Peripherie“ konnte herausgearbeitet werden. Zudem konnte das Seminar ein Verfahren etablieren, das Gruppenforschungsprojekte mit Studierenden systematisch erprobt und in der Zukunft auch für andere Demonstrationen anwendbar macht. Die hohe Rücklaufquote bei Interviews ist ein Indikator für einen sensiblen und inhaltlich angemessenen Auftritt der Studierenden. Zuletzt erhielten wir vonseiten des Queeren Zentrums Marburg das Feedback, dass die von uns erhobenen Daten in der politischen Arbeit von großem Nutzen sein können. Das „gesehen werden“ wurde von der Community sehr wertgeschätzt.

Innovativer Charakter

Das Seminar ermöglichte es Studierenden, den gesamten Forschungsprozess eigenständig zu durchlaufen – von der Fragestellung über die Datenerhebung bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse. Es zeichnete sich durch einen konsequent partizipativen Aufbau aus: Die Studierenden entschieden selbst über Forschungsgegenstand, Design und Auswertungsschritte und wurden dabei methodisch und ethisch eng begleitet. Die Verknüpfung quantitativer und qualitativer Methoden sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Organisationsteam des CSD eröffneten eine neue Perspektive auf gesellschaftlich relevante Forschung. Zugleich schulte das Seminar zentrale Kompetenzen wie Teamarbeit, kritisches Denken und Ethik im Forschungsprozess. Durch den Fokus auf diskriminierungssensible Forschung im Kontext queerer Bewegungen leistete es einen wichtigen Beitrag zu einer inklusiven politischen Bildung. Das Projekt zeigt exemplarisch, wie Lehre zur aktiven politischen Wissensproduktion werden kann.

 

Über die Lehrperson:

Felix Anderl ist Professor für Konfliktforschung am Zentrum für Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg.

 

Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“

Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2025 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Carmen Wunderlich für ihr Lehrprojekt „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ im Wintersemester 2024/25 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.

Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: