Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Den Finanzplatz Frankfurt erforschen

Zielsetzung

Das Thema „Finanzmärkte“ wird an deutschen Hochschulen in der Regel an wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen aus einer finanzwirtschaftlichen Perspektive behandelt. Dabei ist dessen sozial- und politikwissenschaftliche Relevanz spätestens seit der globalen Finanzkrise von 2008 offenkundig geworden. Aus diesem Grund bieten die beteiligten Arbeitsbereiche bereits seit mehreren Jahren Veranstaltungen zum Thema Finanzmärkte aus sozialwissenschaftlicher Perspektive an.

Das Projekt „Den Finanzplatz Frankfurt erforschen“ zielte nun darauf ab, eine forschungsbasierte Lehrveranstaltung zum Thema „Finanzmärkte“ zu entwickeln und kooperativ zwischen den Arbeitsbereichen Internationale Politische Ökonomie (GU Frankfurt) und Politische Ökonomie (JGU Mainz) durchzuführen, zu evaluieren und dauerhaft im Lehrangebot der beteiligten Arbeitsbereiche zu verankern. Das Seminarkonzept basiert auf dem didaktischen Ansatz des „aktiven“ bzw. „forschenden Lernens“ und soll die Studierenden anleiten, den Finanzplatz Frankfurt mithilfe eigener kleiner Forschungsprojekte „vor Ort“ zu erforschen. Darüber hinaus zielte die Kooperation auf die Bündelung von Ressourcen und Expertise zwischen den beiden Arbeitsbereichen zur Verbesserung des studentischen Lernerfolgs in einem komplexen, interdisziplinären Themengebiet an der Schnittstelle zwischen Politikwissenschaft und Ökonomie.

Durch die geographische Nähe zu einer Vielzahl finanzpolitisch bedeutender Institutionen bietet es sich an Universitäten im Rhein-Main-Gebiet an, BA-Studierenden Finanzmärkte durch direkten Kontakt mit ihren Protagonist*innen erleb- und damit begreifbarer zu machen. Während bei den herkömmlichen Seminaren zum Thema Finanzmärkte die Vermittlung von Fachwissen im Vordergrund stand, zielt dieses Seminar darauf ab, auch den Erwerb wichtiger Soft skills und die intrinsische Neugier der Studierenden gezielt zu fördern. Um BA-Studierenden das Thema Finanzmärkte näher zu bringen, möchten wir ihnen Gelegenheiten bieten, den Finanzplatz Frankfurt im Rahmen angeleiteter Forschungsprojekte in Kleingruppen eigenständig zu erkunden, Lernfortschritte und -erfahrungen in Blogbeiträgen sowie eines gemeinsamen Workshops zu teilen und die Ergebnisse in einem gemeinschaftlich editierten Abschlussberichts zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Das Proseminar richtet sich an BA-Studierende der Politikwissenschaft und Soziologie, B.Ed.-Studierende der Sozialkunde sowie Lehramtsstudierende im Fach Politik und Wirtschaft. Über die zwei Standorte verteilt können jährlich insgesamt 90 Studierende teilnehmen (60 in Frankfurt, 30 in Mainz).

Erzielte Erfolge

Ein wesentlicher Erfolg des Seminars stellt die Vernetzung der Studierenden zwischen den Universitäten Mainz und Frankfurt dar. Zur Förderung des Austausches zwischen den Studierenden über die zwei Standorte hinweg wurden zum Auftakt und Abschluss der Veranstaltung gemeinsame Präsenzsitzungen durchgeführt. Darüber hinaus boten die beteiligten Lehrenden einzelne inhaltliche Sitzungen in ihrem fachlichen Schwerpunkt an, sodass die Studierenden beider Fachbereiche von der Expertise beider Arbeitsbereiche profitieren konnten. Weiterhin wurden gemeinsame Sitzungen digital angeboten. Ein weiterer zentraler Erfolg des Seminars bildet die Erkundung wichtiger Institutionen des Finanzplatzes Frankfurt in Form von Exkursionen. Hierfür wurden die Bundesbank, die Europäische Zentralbank, die Börse und das Frankfurter Bankenviertel ausgewählt. In ersteren wurden die Institutionen besichtigt (z.B. das Geldmuseum der Bundesbank) und Vorträge von Experten zur geldpolitischen Praxis angehört. In der Börse wurde der interaktive Ausstellungsraum besichtigt und anschließend eine interaktive „Schnitzeljagd“ durchs Frankfurter Bankenviertel durchgeführt.

Darüber hinaus stellt die angeleitete Erforschung von Institutionen des Frankfurter Finanzplatzes in Form von kleinen Forschungsprojekten einen entscheidenden Erfolg des Seminars dar. Hierfür bildeten die Studierenden drei- bis vierköpfige Gruppen, um kooperativ eine Forschungsfrage zu einer Institution zu entwickeln und diese mittels Interviews sowie flankierenden Recherchen zu bearbeiten. Zur Vorbereitung dafür wurden von den Dozierenden Hilfestellungen zur Durchführung der Interviews gegeben und die Interviewkontakte in den Institutionen vorab angebahnt.

Schließlich wurde der forschungsbasierte Ansatz des Seminars durch die Einbindung eines externen wissenschaftlichen Vortrags von Natalya Naqvi ( The London School of Economics and Political Science) im Rahmen der Vortragsreihe „Current Avenues in Comparative and International Political Economy“, die vom Arbeitsbereich des Frankfurter Standorts traditionell ausgerichtet wird, sowie eines Abschlussworkshops in Mainz unterstrichen. Im Rahmen des Workshops wurden die Ergebnisse der studentischen Projekte präsentiert und intensiv diskutiert. Zur Begleitung des Projekts wurde eine Homepage eingerichtet, auf der die Forschungsprojekte der Studierenden veröffentlicht wurden: https://finanzplatz-frankfurt.blog/.

Das Seminar wurde im Wintersemester 2024/25 zum ersten Mal erfolgreich durchgeführt und wird im aktuellen Wintersemester 2025/26 erneut angeboten. Es soll zukünftig dauerhaft im Lehrangebot beider Standorte verankert werden.

Innovationsgehalt der Veranstaltung

Durch angeleitete Forschungsprojekte sowie interaktive und multidimensionale Lehr-Lern- Arrangements können die Studierenden die in Lektürearbeit und vorlesungsbasierten Sitzungen vermittelten Inhalte selbsttätig vertiefen und anhand konkreter Fälle exemplarisch anwenden. Durch das forschungsbasierte Design des Seminars werden den Studierenden darüber hinaus Methoden wissenschaftlichen Arbeitens in einem frühen Stadium ihres Studiums vermittelt, die sie in Exkursionen zu Institutionen des Finanzplatzes Frankfurt (z.B. Europäische Zentralbank, Bundesbank und Börse) und Interviews mit den Akteuren erproben können. Darüber hinaus lernen die Studierenden, Geschäftsberichte, Bankbilanzen und Finanzstatistiken zu interpretieren und für eigene Untersuchungen zu verwenden.

Das Seminarkonzept trägt damit zentralen lernpsychologischen Erkenntnissen Rechnung. Die relevanten didaktischen Ansätze sind unter den Begriffen „Aktives Lernen“ und „Forschendes Lehren“ bekannt. Aktives Lernen bezeichnet einen Ansatz, bei dem die Teilnehmenden zum Mitdenken und Mitmachen angeregt werden, anstatt Lerninhalte rein passiv zu rezipieren. Zahlreiche Studien belegen, dass aktiv Lernende Inhalte tiefer durchdringen und besser im Gedächtnis behalten, und dass sie darüber hinaus mit mehr Spaß bei der Sache sind. Durch die Kombination mehrerer Lehr-Lern-Arrangements (Vorlesung, Seminardiskussion, Forschungsprojekte) wird der Lernstoff intensiver und nachhaltiger verarbeitet.

„Forschendes Lehren“ ist ein hochschuldidaktisches Design, bei dem Studierende angeleitet eigenständige Forschungsprojekte entwickeln und durchführen. Der Ansatz basiert auf der Einsicht, dass viele Studierende in modularisierten Studiengängen häufig erst sehr spät im Studium lernen, Forschungsfragen zu entwickeln, Probleme eigenständig zu lösen und methodisch angeleitet empirische Erkenntnisse zu gewinnen. Ein forschungsbasiertes Lehr-/Lernsetting soll BA-Studierende frühzeitig dazu anregen, Fachkenntnisse eigenständig zu vertiefen und Methodenkenntnisse fallbasiert anzuwenden.

 

Über die Lehrenden:

Helen Callaghan ist Professorin für Politische Ökonomie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie lehrt und forscht an der Schnittstelle zwischen Internationaler und Vergleichender Politische Ökonomie, mit geographischem Fokus auf Westeuropa und thematischen Schwerpunkten in den Bereichen Corporate Governance und Nachhaltigkeit.

Ruben Kremers ist Postdoktorand im Bereich der Politischen Ökonomie am Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Lehre und Forschung beschäftigen sich mit der Digitalisierung und der Finanzialisierung der globalen Wirtschaft, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Startup-Industrie.

Johannes Petry Postdoktorand am Arbeitsbereich Internationale Politische Ökonomie am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt. Er lehrt und forscht im Bereich Vergleichender und Internationaler Politischer Ökonomie mit einem Schwerpunkt auf der Transformation des globalen Finanzsystems und dessen Auswirkungen auf Globalisierungsprozesse und die Weltwirtschaftsordnung.  

Michael Schedelik ist Postdoktorand am Arbeitsbereich Internationale Politische Ökonomie am Institut für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt. Er lehrt und forscht im Bereich Vergleichender und Internationaler Politischer Ökonomie mit einem Schwerpunkt auf Kapitalismus- und Wachstumsmodellen in Schwellenländern sowie Industrie- und Innovationspolitik.

 

Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“

Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2025 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Carmen Wunderlich für ihr Lehrprojekt „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ im Wintersemester 2024/25 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.

Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: