Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Doing Digitalpolitik

Autor*innen: Thorsten Thiel und Leyla Dogruel

 

 

Das StuFu Doing Digitalpolitik verfolgte das Ziel, Studierende an die Themen, Strukturen und Prozesse der Digitalpolitik heranzuführen und zugleich eine Reflexion über die Logiken politischer Aushandlung zu initiieren. Hierfür wurde ein breit zugängliches Format gewählt: die Durchführung von zwei Planspielen, die flankiert wurden von einer Podiumsdiskussion mit Expert*innen.

Simulation 1: Gemeinwohlorientierung durch aktive Plattformgestaltung

Nach zwei Einführungssitzungen - eine mit einem organisatorischen Schwerpunkt, eine mit dem Ziel, die Studierenden über Akteure und Mechanismen der Digitalpolitik sowie eine Vertiefung im Feld der Social Media Governance zu informieren - zielte die erste Simulation auf Handlungsorientierung und Kompetenzerwerb (Muno 2020). In ihr wurde eine Auseinandersetzung im fiktiven Staat Novandia simuliert, “einem kleinen, aber technologisch fortgeschrittenen Land, das sich seit Jahren als Vorreiter für Innovation und digitale Transformation sieht.” Auseinandersetzungen um die problematischen Auswirkungen von sozialen Medien auf den politischen Diskurs führten hier dazu, dass die Regierungspartei einen Vorschlag für die Schaffung einer öffentlichen, gemeinwohlorientierten digitalen Plattform vorlegt, die einen demokratischen und sicheren Raum für den Austausch von Ideen bieten soll. In dem Planspiel wurden insgesamt sechs Akteursgruppen simuliert: Zwei politische Fraktionen - die für das Gesetz verantwortliche Regierungsfraktion (5 Pers.) und die ihr entgegengesetzte für eine liberale Lösung eintretende Oppositionsfraktion (4 Pers.) - zwei Interessenvereinigungen - einmal wirtschaftsnah, einmal zivilgesellschaftlich (je 3 Pers.), eine Gruppe von Wissenschaftler*innen (3 Pers.), die faktische Expertise und Formulierungshilfen beisteuert, sowie ein Team für Medien (6 Pers.), welches die Auseinandersetzung in verschiedenen Formaten begleitet, aufbereitet und ggf. anheizt. Die Simulation fand als Blockveranstaltung an einem Freitag in einem Slot von sieben Stunden statt, wobei eine Stunde immer für eine aktive Mittagspause reserviert ist. In der Woche vor dem eigentlichen Planspiel wurde bereits eine für das Spiel eingerichtete Kommunikations- und Chatplattform (Matrix/Element) freigeschaltet, auf der die Studierenden neben dem Gesetzesentwurf und einem Gegenvorschlag eine begleitende öffentliche Debatte simulierten (z.B. mit Stellungnahmen der Interessengruppen, einer Ausgabe der fiktiven Zeitschrift “Goldene Feder” und einer Talkshow), in der die Argumente für und wider die Plattform mit Politiker*innen und Interessenvertreter*innen ausgetauscht wurden. Das eigentliche Planspiel war in gemeinsame Präsenzphasen im Plenum unterteilt, in denen Regierung und Opposition vor Publikum debattierten und auch von der Öffentlichkeit befragt werden konnten. Daneben gab es Phasen, die der Kompromissfindung sowie dem Einbezug anderer Akteure dienten. Der ganze Tag wurde durch die Medien und die Seminarleitung mit Stellungnahmen und Einschätzungen begleitet, die aus aggregiert-berichtenden Formaten (das journalistische Blatt “Goldene Feder”) und Social Media Kommunikation bestand. Am Ende des Planspiels stand eine kurze Reflexion über die eigene Rolle und die Dynamiken des Planspiels. Zwei Tage vor der Simulation wurde durch die Seminarleitung zudem ein universitätsöffentlicher Vortrag organisiert, bei dem Robert Gorwa (WZB) zu “The Politics of Platform Regulation” sprach und unser Planspiel-Thema wissenschaftlich transzendierte.

Simulation 2: Chatkontrolle und die Komplexität europäischer Digitalpolitik

Während das erste Planspiel durch das fiktive Setting und den breiten Kosmos an Akteuren stärker spielerisch und kreativ angelegt war, legte das zweite Planspiel den Schwerpunkt auf die Vermittlung von Wissen und wies einen höheren Realitätsbezug auf. Hier wurde als Gegenstand die seit 2022 in der Europäischen Union geführte Auseinandersetzung um eine Verordnung zur Festlegung von Vorschriften zur Prävention und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern gewählt, die in Deutschland unter den Namen Chatkontrolle bekannt und politisiert ist. Simuliert wurde der aktuelle Stand der Auseinandersetzung, wo nach dem Scheitern des ursprünglichen Kommissionsentwurfs nach der Europawahl und den damit veränderten Machtverhältnissen nun neue Anläufe zur Kompromissfindung unternommen werden. In dieser Simulation waren alle Studierenden in politischen Rollen eingeteilt, wobei der Trilog zwischen den europäischen Institutionen die Grundstruktur bildete: eine Gruppe von fünf Studierenden simulierte verschiedene Aufgaben der Kommission, vier Personen repräsentierten Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen des Europäischen Parlaments und der Europäische Rat wurde durch drei annähernd gleich große Blöcke mit je drei Nationen gestaltet, wo jeder Block unterschiedliche Grundhaltungen zum Ausbau des Kinderschutzes durch umfassende und ggf. invasive Kommunikationsüberwachung hatte. Die Studierenden waren in diesem Spiel in der Pflicht, die Policy-Positionen ihrer Akteure zu recherchieren und diese in den Verhandlungen überzeugend zu vertreten. Anders als im ersten Planspiel, wo die Dynamik durch den Gesetzesentwurf der Regierung und die Umwelt der Medien und der Interessengruppen erzeugt wurde, war das zweite Planspiel viel stärker durch faktische Aushandlungen und das Schmieden von Allianzen geprägt. Der Kommission kam dabei eine entscheidende Rolle zu, da diese immer wieder die Ländergruppen und das EP zusammenbringen muss. Zeitlich und von den Phasen des Tages her waren die Vorlagen ähnlich, wobei die Zeit vor der Mittagspause auf die Aushandlung in den Institutionen verwendet werden sollte, die Zeit danach auf die Abstimmung zwischen den Institutionen und die Bearbeitung spezifisch wichtiger Problemfelder.

Beide Spiele haben jeweils Lösungen hervorgebracht, wobei die Zeit nach dem Spiel neben der Rollenreflexion auch dafür verwendet wurde, sich darüber auszutauschen, inwieweit die Studierenden - außerhalb des Spiels - die gefundenen Lösungen für akzeptabel hielten. Für den Scheinerwerb hatten wir zudem ein Reflexionspapier zur Bedingung gemacht, welches entlang von vier Leitfragen die Erfahrung der beiden Planspiele noch einmal systematisch miteinander verglich. 

Als Abschluss haben wir für die Teilnehmer*innen des Seminars drei Tage nach dem zweiten Planspiel auch nochmal eine Podiumsdiskussion organisiert, die sich inhaltlich um das Thema des ersten Planspiels drehte, die konstruktive Neugestaltung digitaler Öffentlichkeit und wo die Studierenden die Möglichkeiten hatten, mit wichtigen Akteuren aus Politik und Zivilgesellschaft direkt in Kontakt zu kommen und Nachfragen zu den eigenen Erfahrungen zu stellen.

Schlussbetrachtung

Insgesamt haben wir mit dem Format, welches wir in einer ähnlichen Form, aber mit anderen Szenarien bereits ein Jahr vorher erprobt hatten, hervorragende Erfahrungen gemacht. Die Studierenden waren äußerst aktiv und die aufeinander folgenden Planspiele und die Rollenwechsel erlaubten, Politik einmal ganz anders zu erleben. Dass wir das Format mit zwei Dozierenden aus unterschiedlichen Disziplinen durchführen, führt dazu, dass nicht nur der Input und die fachliche Expertise breit sind, sondern dass wir auch sehr unterschiedliche Dynamiken illustrieren können. Insbesondere das Zusammenspiel von Öffentlichkeit und Politik wird durch das Lehrformat gut erfahrbar gemacht.

Weitere Materialien:

Über die Lehrenden:

Thorsten Thiel ist Professor für Demokratieförderung und Digitalpolitik an der Universität Erfurt.

Leyla Dogruel ist Professorin für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Soziale Kommunikation an der Universität Erfurt.

 

Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“

Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2025 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Carmen Wunderlich für ihr Lehrprojekt „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ im Wintersemester 2024/25 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.

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