Kontext:
Die Professur für das Politische System der BRD bietet jedes Sommersemester das „Aufbaumodul Politisches System der BRD“ an. In diesem Modul sollen die in der Einführungsvorlesung erworbenen Kenntnisse vertieft werden. Das Modul besteht aus der Vorlesung „Deutschland im europäischen Mehrebenensystem“. Zur Vorlesung gibt es mehrere Begleitseminare, die die behandelten Themen vertiefen. Drei dieser Begleitseminare wurden im SoSe 2024 in Form einer EU-Simulation angeboten.
Ziel der EU-Simulation:
Ziel der Lehrveranstaltung war, den Studierenden die Einbettung der Nationalstaaten in das europäische Mehrebenensystem dadurch zu verdeutlichen, dass sie in die Rolle von Minister*innen schlüpfen und im Ministerrat über die Effort-Sharing Verordnung verhandeln. Der europäische Rechtsetzungsprozess ist abstrakt, ein Schaubild des ordentlichen Gesetzgebungsverfahrens sorgt für mehr Verwirrung als Klärung. Daher sollen die Studierenden eine europäische Verhandlung vom Kommissionsentwurf bis zur Verordnung durchleben. Dies ermöglicht „perspective taking“, das Einnehmen einer anderen als der üblichen studentischen Perspektive. Der Wettbewerbscharakter einer Simulation führt zu hoher Motivation, sich mit dem Thema und dem institutionellen Kontext zu befassen. Durch eine gezielte Reflexion am Ende können die „am eigenen Leibe“ gewonnenen Erkenntnisse dann in einen größeren Kontext eingebettet werden.
Konzept der Veranstaltung:
Die Studierenden nahmen die Rollen von Minister*innen ein, die über die Effort-Sharing Verordnung der EU verhandeln (Verordnung (EU) 2018/842). Dabei basierten die Rollenprofile auf den echten Positionen der Verhandler*innen (gewonnen aus dem DEU-Datensatz). Es konnten 35 Studierende pro Seminar teilnehmen. An den Verhandlungen waren 28 Mitgliedstaaten beteiligt, einige Rollen wie die Ratspräsidentschaft und große Länder wurden mit mehreren Studierenden besetzt („Ministerin und Staatsekretär“), um a) die Rolle der Ratspräsidentschaft auf zwei Studierende zu verteilen, b) die Ressourcenunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten abzubilden sowie c) einen Puffer gegen Ausfälle zu haben (siehe Anlage für ein Rollenprofil). Die Thematik betrifft die europäische Klimapolitik und war daher für Studierende von großem Interesse. Außerdem zeigte die Thematik einige der für die EU typischen Interessenkonflikte: Ost vs. West, Industrie vs. Umweltschutz, oder Fragen der Klimagerechtigkeit.
Vorbereitung:
Die Studierenden bekamen ihr Rollenprofil sowie Dokumente zu den Verhandlungen und der Thematik. An einer gemeinsamen Einführungssitzung wurden Thematik und Aufbau der Veranstaltung präsentiert, und es gab Raum für Fragen. Die Übersicht über die Rollen wurde den Studierenden zur Verfügung gestellt, so dass sie sich bereits vor der Simulation vernetzen konnten.
Simulationsverlauf:
Die Simulation selber nahm 1-2 Tage in Anspruch (je nach Verhandlungsausdauer der Studierenden). Zu Beginn bekamen sie den Kommissionsvorschlag sowie die Ergebnisse der ersten Lesung des Europäischen Parlaments (Kommission und EP wurden von Hilfskräften verkörpert, die Positionen waren die „echten“ Positionen der Verhandlungen). Ab dann lag es in den Händen der Studierenden, zu welchem Ergebnis sie kamen. Die von Studierenden gespielte Ratspräsidentschaft war Herrin des Verfahrens, und konnte Verhandlungspausen, Redeliste, Reihenfolge der Themendiskussion etc. bestimmen; hatte aber beständig eine Dozentin neben sich, um Rat einzuholen falls nötig. Die Dozierenden protokollierten außerdem den Verhandlungsverlauf (siehe Anhang). Um die Immersion zu steigern, hatten die Delegationen Flaggen, Namensschilder etc.
Bei den drei Simulationen im SoSe 2024 verwendeten die Studierenden viel Zeit darauf (wie in der echten EU), den gemeinsamen Standpunkt des Rates zu finden. Das Abstimmungssystem der EU mit der doppelten Mehrheit sowie die grundlegenden Interessenkonflikte sorgten dafür, dass es nicht zu „zu schnellen“ Einigungen kam, eine Einigung war aber grundsätzlich immer möglich.
Reflexion:
Am Ende der Simulation stand eine fertige Verordnung. In der Reflexionssitzung konnte diese Verordnung gegen das echte Verhandlungsergebnis abgeglichen werden. Dabei wurden einige typische Muster der EU-Entscheidungsfindung und der Institutionenlogik den Studierenden noch einmal deutlich. Es wurde anhand der eigenen Erfahrungen klar: a) warum europäische Kompromisse häufig voller Ausnahmen, Übergangszeiten etc. sind, b) warum die doppelte Mehrheit bei Abstimmungen verwendet wird und c) warum Klimapolitik oft nur in kleinen Kompromissen voranschreitet.
Prüfungsleistung
Die Prüfungsleistung war an die Simulation als Veranstaltungsform angepasst und hatte die Form eines kombinierten Strategie- und Reflexionspapiers (siehe Anlage). Alle Studierenden beantworteten aus ihrer Rolle heraus vor der Simulation Fragen zur Vorbereitung der Simulation (was ist die Position meines Landes, welche Mehrheiten im Rat werde ich anstreben) und nach der Simulation Fragen zur Reflexion (welche Verhandlungstechniken habe ich angewandt, welche haben funktioniert und warum), und zur Bewertung des institutionellen Systems der EU.
Erfolge, Würdigung, Ausblick:
Die Simulation wurden sehr gut evaluiert. Viele Studierende waren begeistert von der realitätsnahen Darstellung und den lebendigen Interaktionen mit ihren Kommiliton*innen. Die Simulation wurde von der Studienkommission der sozialwissenschaftlichen Fakultät als „Good Practice Lehrbeispiel“ im SoSe 2024 ausgezeichnet. Die Simulation soll auch künftig regelmässig in der Lehre eingesetzt werden. In diesem Fall können – folgend der häufigen studentischen Frage „Wie haben denn die beiden anderen Gruppen verhandelt?“ die Ergebnisse über die Zeit gesammelt und ausgewertet werden. Ein herzlicher Dank der Lehrenden geht auch an die zahlreichen wissenschaftlichen Hilfskräfte, die die Simulationen immer tatkräftig unterstützt haben.
Über die Lehrenden:
Simon Fink ist Professor für das Politische System der BRD an der Georg-August Universität Göttingen.
Laura Krug (M.A.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für das Politische System der BRD an der Georg-August Universität Göttingen.
Leah Olbricht (M.A.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für das Politische System der BRD an der Georg-August Universität Göttingen.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2025 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Carmen Wunderlich für ihr Lehrprojekt „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ im Wintersemester 2024/25 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: