„Now, I am become death, the destroyer of worlds” – mit diesen Worten aus einer heiligen Schrift des Hinduismus beschrieb Robert Oppenheimer, was ihm während des ersten Atombombentests in der Wüste von New Mexico durch den Kopf gegangen war. Seit der Entdeckung der Radioaktivität im späten 19. Jahrhundert, debattieren Wissenschaftler*innen und politische Entscheidungstragende, Künstler*innen und Aktivist*innen über die Notwendigkeit, Möglichkeiten und Herausforderungen, die Nutzung von Kernenergie durch politische Ordnungsbildung zu regulieren. Staaten, aber auch nichtstaatliche Akteure, haben im Laufe der Jahre – und ausgelöst durch die verheerenden Atombombenabwürfe auf Nagasaki und Hiroshima 1945 – ein komplexes Geflecht formeller und informeller Institutionen geschaffen, um die friedliche Nutzung der Kernenergie abzusichern, die Weiterverbreitung von Kernwaffen einzudämmen und deren Abrüstung voranzutreiben. Obwohl Nuklearwaffen spätestens mit dem Angriff des Atomwaffenstaates Russland auf die Ukraine und die folgenden geopolitischen Umwälzungen wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt sind, fehlt es in der öffentlichen Debatte aber an Fachwissen und einem tieferen Verständnis der Thematik. Dies zeigt auch ein Blick in Curricula deutscher Hochschulen; nur vereinzelte Seminare greifen die Thematik überhaupt auf und stellen zuvorderst Vertiefungen auf Masterniveau dar.
Seminarkonzeption – Einführung in das wissenschaftliche und praktische Forschungsfeld
Das Seminar „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ setzte hier an: Das übergeordnete Ziel bestand darin, die Studierenden anhand von wissenschaftlicher Literatur in das Forschungsfeld zu nuklearer Ordnungsbildung einzuführen und ihnen durch Einblicke aus der politischen und wissenschaftlichen Praxis Kompetenzen an die Hand zu geben, um aktuelle politische Debatten besser einordnen zu können. Das Seminar gliederte sich in vier inhaltliche Blöcke:
Im ersten und zweiten Block wurden grundlegende Konzepte und theoretische Debatten erarbeitet und kritisch reflektiert, um eine gemeinsame Wissensbasis zu schaffen. Grundlage waren klassische wissenschaftliche Texte, es wurden aber auch Online-Lehreinheiten, Videos sowie Primärdokumente integriert. In jeder Sitzung wurden interaktive Methoden des aktiven Lernens wie Rollenspiele, problemorientierte Debatten oder Fallstudien eingesetzt, um das erworbene theoretische Wissen anzuwenden und kritisch zu reflektieren. Besonders wichtig war mir, die Studierenden miteinander in die Diskussion zu bringen, beispielsweise durch eine arbeitsteilige Vorbereitung unterschiedlicher Texte/Positionen und die Durchführung von „Streitgesprächen“ oder Kleingruppenarbeiten.
In einem dritten Block wurden (aktuelle) Herausforderungen nuklearer Ordnungsbildung beleuchtet. Dazu hatte ich im Vorfeld drei thematische Schwerpunkte gesetzt – feministische und post-/dekoloniale Kritik der nuklearen Ordnung, Herausforderungen bei der Überprüfung und Durchsetzung nuklearer Nichtverbreitung sowie Herausforderer der nuklearen Ordnung am Beispiel des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und des nordkoreanischen Atomprogramms. Jede dieser Sitzungen wurde durch einen Gastvortrag einschlägiger Expert*innen bzw. Praktiker*innen ergänzt, die diese Ereignisse einordneten, den Studierenden zugleich aber auch wertvolle Einblicke in ihre Karrierepfade gaben. Da die Brisanz des Seminarthemas im Verlauf des Semesters – und verstärkt durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – zunahm, hatte ich mich zudem bereits im November dazu entschieden, jede Sitzung mit einem kurzen „Schlaglicht“ zu beginnen, um Ereignisse in der aktuellen Nuklearpolitik mit Blick auf die erarbeiteten Konzepte sowie drängende politische Fragen gemeinsam zu erörtern. Den Abschluss des dritten Teils bildete eine gemeinsame Exkursion zur Radionuklid-Messstation RN 33 des Bundesamtes für Strahlenschutz auf dem nahegelegenen Schauinsland, die einen wichtigen Beitrag zur Überwachung des Vertrags über das umfassende Verbot von Atomtests leistet. Die Studierenden erhielten von den dort arbeitenden Wissenschaftler*innen spannende Einblicke in die technischen Hintergründe ihrer „detektivischen“ Arbeit. Die politischen Aspekte, insbesondere die Position der Bundesregierung zum Teststoppvertrag wurden in der darauffolgenden Woche durch einen virtuellen Gastvortrag des zuständigen Referenten im Auswärtigen Amt nachgeliefert.
Wider das „nukleare Vergessen“ – Projektarbeit „Nachdenken über Nuklearkrieg“
Neben der so erfolgten Einführung in das wissenschaftliche und praktische Forschungsfeld der nuklearen Ordnungsbildung zielte das Seminar aber auch darauf ab, dass die Studierenden in Kleingruppen eigene Projektarbeiten entwickelten. So sollte das Seminar einen Beitrag dazu leisten, dem nuklearen Vergessen durch eine systematische Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Nuklearkrieg/Nuklearwaffeneinsatz“ entgegenzuwirken. Die Projektarbeit stellt eine Lehrkooperation mit Prof. Martin Senn dar, der im Sommersemester 2024 eine thematisch ähnliche Lehrveranstaltung an der Universität Innsbruck durchführte. Um der wiedererstarkten Brisanz, die Nuklearwaffen aktuell erfahren und dem gleichzeitigen Phänomen des „nuklearen Vergessens“ Rechnung zu tragen, hatten Martin Senn und ich die Idee, in unseren Seminaren Projektarbeiten zum Thema „Nachdenken über Nuklearkrieg: Ursachen – Folgen - Vorstellungen“ durchführen zu lassen (siehe Anlage Handreichung Projektarbeit). Die Projektarbeit bildete zum einen die Grundlage für die schriftlichen/mündlichen Prüfungsleistungen, die die Studierenden als individuelle Hausarbeiten bzw. mündliche Prüfungen am Semesterende zu absolvieren hatten. Zum anderen stellten wir den Studierenden in Aussicht, dass sehr gute Projektarbeiten beider Lehrveranstaltungen/Universitäten in einem von Martin Senn und mir herausgegebenen Sammelband veröffentlicht werden können. Für die Studierenden stellt dies aus meiner Sicht eine einmalige Gelegenheit dar, bereits in das wissenschaftliche Arbeiten hinein zu schnuppern – zugleich ist die Aussicht darauf, dass Hausarbeiten nicht nur „in der Schublade“ landen, sondern womöglich veröffentlicht werden, ein starker Anreiz.
Die Umsetzung der Projektarbeit erfolgte problemzentriert, d.h. die Studierenden wählten ihr Thema entlang der von Martin Senn und mir vorgeschlagenen Schwerpunkte eigenständig, bildeten Kleingruppen, die thematisch ähnliche Fragestellungen bearbeiteten und arbeiteten ihre Ideen in insgesamt vier als Research Lab gestalteten Sitzungen aus. Jede Sitzung bot Raum, Entwürfe und mögliche Fragen zu diskutieren und gezieltes Feedback, sowohl Peer-to-Peer als auch von mir als Lehrperson, einzuholen.
Die Qualität und Originalität der eingereichten Beiträge, die Lehrevaluationen sowie das Feedback der Studierenden deuten darauf hin, dass die von mir gesetzten Lernziele des Seminars erreicht wurden. Die Studierenden haben Grundlagenwissen über das Forschungsfeld sowie praktische Fertigkeiten mit Blick auf kritisches Reflexionsvermögen und Analysefähigkeiten erworben. Sie sind damit in der Lage, aktuelle Entwicklungen in der Nuklearpolitik, insbesondere die Debatte um nukleare Abschreckung in Europa einordnen und Positionen kritisch reflektieren zu können. Viele haben sich zudem dem durchaus hohen Arbeitsaufwand gestellt, sich engagiert und vertiefend mit der Thematik der Projektarbeit auseinandergesetzt und spannende Beiträge verfasst, die Einblicke geben, wie Nuklearkrieg und Nukleareinsätze imaginiert werden und welche Auswirkungen diese Vorstellungen auf Politik und Gesellschaft haben/hatten. Der finale Sammelband wird im nächsten Jahr als Open-Access-Publikation interessierten Leser*innen über den Publikationsserver der Universität Duisburg-Essen, DuEPublico, zur Verfügung stehen. Damit leisten die Studierenden selbst einen Beitrag dazu, dem „nuklearen Vergessen“ entgegenzuwirken.
Weitere Materialien:
Über die Lehrende:
Carmen Wunderlich ist seit April 2025 als Senior Researcher am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen tätig. Die ausgezeichnete Lehrveranstaltung entstand während ihrer Vertretung des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen an der Universität Freiburg.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2025 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Carmen Wunderlich für ihr Lehrprojekt „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ im Wintersemester 2024/25 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: