Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Peer Review – Out of the Box, Into the Open

14. August 2025

Autorin: Franciska Heenes

Peer Review ist seit über 300 Jahren das zentrale Instrument zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Publikationen. Trotz seiner langen Tradition und bewährten Funktion wird das klassische Verfahren – geprägt von Anonymität und einem geschlossenen Begutachtungsprozess – zunehmend hinterfragt. Kritik gibt es vor allem hinsichtlich fehlender Transparenz, ineffizienter Abläufe und eines Mangels an Anerkennung für die Arbeit der Gutachter*innen. Vor diesem Hintergrund wird Open Peer Review als mögliche Antwort auf die strukturellen Schwächen des bestehenden Systems diskutiert.

Was ist Open Peer Review?

Open Peer Review (im Folgenden: OPR) ist kein einheitliches Verfahren, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Praktiken, die Transparenz und Beteiligung im Begutachtungsprozess erhöhen sollen. Dazu gehört etwa die Offenlegung der Gutachten, die Nennung der Beteiligten, öffentlich einsehbare Kommentare und die Möglichkeit zur Community-Beteiligung.

 

Chancen eines offenen Begutachtungsverfahrens

OPR verspricht gegenüber dem traditionellen Peer Review eine Reihe von Vorteilen, wie etwa eine erhöhte Nachvollziehbarkeit durch die Offenlegung der Gutachten, eine breitere Beteiligung unterschiedlicher Akteur*innen, die zu differenzierteren Bewertungen führen kann sowie einen direkten Austausch zwischen Autor*innen und Gutachter*innen, der sofortige Klärungen ermöglicht. Zudem steigert die Sichtbarkeit der Gutachter*innenarbeit deren Anerkennung als wissenschaftliche Leistung, was auch die Bewertung dieser Tätigkeit im akademischen Kontext erleichtert. Offene Gutachten bieten darüber hinaus die Möglichkeit, aus dem Begutachtungsprozess zu lernen und Einblicke über die reine Publikation hinaus zu gewinnen.

Open Peer Review in der Praxis

OPR galt lange Zeit als experimentelles Randphänomen, gewinnt inzwischen aber in der wissenschaftlichen Praxis zunehmend an Sichtarbeit. Pionierarbeit leisteten Verlage wie BMJ und Copernicus Publications, die bereits seit den 1990er Jahren transparente Begutachtungsmodelle anbieten. Auch große Verlage wie Springer Nature oder PLOS haben OPR inzwischen in ausgewählten Journals eingeführt.

Unabhängig von etablierten Verlagsstrukturen entwickeln Plattformen wie F1000Research neue Modelle offener Begutachtung. Das Journal Open Research Europe nutzt diese Infrastruktur unter anderem für sozial- und geisteswissenschaftliche Beiträge, die im Rahmen von EU-Forschungsprojekten entstehen. Parallel entstehen spezialisierte Plattformen, die offene Begutachtung von Preprints ermöglichen. Peer Community In beispielsweise fördert offene Begutachtung außerhalb traditioneller Verlagsstrukturen: Die Plattform organisiert transparente Peer Reviews zu Preprints und spricht auf dieser Grundlage Empfehlungen für die Veröffentlichung in Fachzeitschriften aus – etwa auch für Beiträge aus der Soziologie, Psychologie oder Bildungsforschung.

Diese Entwicklungen werden von Community-basierten Initiativen begleitet, die Offenheit im Peer Review aktiv vorantreiben. Die Openness Initiative etwa schafft Bewusstsein für transparente Reviewpraktiken und wirbt für ein stärkeres Engagement der wissenschaftlichen Community in dem Bereich. Technische Infrastrukturen wie das Open Science Framework oder ScienceOpen unterstützen diesen Wandel durch Werkzeuge für offene Projektarbeit und transparente Reviewprozesse.

Zwischen Offenheit und Tradition 

Trotz der zunehmenden Verbreitung von OPR bleibt das Verfahren in vielen wissenschaftlichen Disziplinen noch immer die Ausnahme. Die Ursachen dafür sind vielschichtig und reichen von strukturellen bis zu kulturellen Hemmnissen. So fehlt es oft an geeigneten Anreizsystemen für mehr Transparenz, während traditionelle, anonyme Verfahren institutionell tief verankert und normativ aufgewertet sind. Diese Rahmenbedingungen begünstigen individuelle Unsicherheiten – insbesondere Sorgen, die eigene Identität im Begutachtungsprozess offenzulegen. Die Bedenken sind eng mit den bestehenden Karrierewegen und den impliziten Erwartungen innerhalb der Fachcommunities verknüpft. Besonders Nachwuchswissenschaftler*innen geraten dadurch in ein Spannungsfeld: Einerseits erfordert OPR Sichtbarkeit und Offenheit, andererseits können gerade diese Prinzipien für sie ein Risiko darstellen – insbesondere dann, wenn die wissenschaftliche Laufbahn stark vom Aufbau strategischer Netzwerke abhängt. Die Angst vor Vergeltung, etwa bei kritischen Bewertungen der Arbeiten „etablierter“ Kolleg*innen, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Offenheit systemisch verankern

Offenheit in der Begutachtung berührt grundlegende Fragen von Verantwortung, Machtverhältnissen und wissenschaftlicher Anerkennung – also tief verwurzelte Strukturen innerhalb des Forschungsbetriebs, die historisch gewachsen und institutionell verfestigt sind. Ein Wandel hin zu mehr Transparenz und Beteiligung lässt sich deshalb nicht allein durch gute Argumente herbeiführen. Das Center for Open Science beschreibt in seiner Strategy for Culture Change, wie Offenheit in der Wissenschaft nachhaltig verankert werden kann.

 

Die Strategie kombiniert fünf ineinandergreifende Ebenen: technische Infrastrukturen, benutzerfreundliche Tools, aktives Community-Building, gezielte Anreize durch Journals und Förderinstitutionen sowie verbindliche Policies für offene Praktiken. Entscheidend dabei ist: Erst wenn technische, soziale und institutionelle Ebenen zusammenspielen, kann sich Offenheit langfristig durchsetzen. Einzelmaßnahmen wie Trainings oder Tools ohne Unterstützung durch die anderen Ebenen (Infrastruktur, Incentives, Policy) haben nur begrenzte Wirkung. Ein nachhaltiger Wandel hin zu OPR erfordert daher mehr als punktuelle Veränderungen – er setzt voraus, dass Offenheit als integraler Bestandteil fest in den Strukturen, Abläufen und Anreizsystemen der Wissenschaft verankert wird. 

Fazit

OPR bietet großes Potenzial, die Qualität, Transparenz und Fairness wissenschaftlicher Begutachtungsverfahren zu verbessern. Die zunehmende Verbreitung zeigt, dass OPR mehr ist als ein experimenteller Trend und sich allmählich als ernstzunehmende Alternative zum traditionellen Peer Review etabliert. Gleichzeitig ist klar: Ein nachhaltiger Erfolg hängt davon ab, dass Offenheit nicht nur punktuell umgesetzt, sondern systemisch gedacht und praktiziert wird. Dabei handelt es sich nicht um einen binären Prozess, sondern um einen schrittweisen Wandel – mit unterschiedlichen Ausgangslagen, Geschwindigkeiten und Formen der Umsetzung je nach Disziplin und Kontext. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich OPR flächendeckend etablieren kann. Dafür braucht es Engagement auf allen Ebenen, vor allem aber auch den Mut zur Veränderung in den wissenschaftlichen Kulturen.

 

 

Mehr zum Thema

Ein Beispiel für eine disziplinspezifische Umsetzung von Open Peer Review in den Sozialwissenschaften bietet die Plattform SOCIOS – mehr dazu ab September im Beitrag: SOCIOS – Open Peer Review für die Sozialwissenschaften

 

Webinar: Open Peer Review von Preprints

Am 30.09.2025, 13-14 Uhr bietet SOCIOS unter dem Titel „Open Peer Review von Preprints – Transparente Begutachtung jenseits klassischer Journals“ ein Webinar für Politikwissenschaftler*innen an. Auf Zoom finden Sie Informationen zum Inhalt und zur Anmeldung.

 

Über die Autorin:

Franciska Heenes ist Sozialwissenschaftlerin und Projektmanagerin bei SOCIOS.

 

Über die Rubrik "Pollux. Für die Politikwissenschaft"

In der Rubrik “Pollux. Für die Politikwissenschaft” berichtet das Team vom Fachinformationsdienst (FID) Politikwissenschaft - Pollux regelmäßig von neuen Angeboten und Entwicklungen aus den Bereichen Literaturrecherche, Open Access, Forschungsdatenmanagement, Wissenschaftskommunikation und weiteren Themen, die Informationsinfrastrukturen betreffen. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen, Anregungen, Fragen und Kritik an kontaktpollux-fidde.

Mehr Informationen unter: www.pollux-fid.de

Aktuelles bei Bluesky fidpol.bskysocial und Mastodon fidpol@polsci.social

Anmeldung zum Newsletter: https://www.pollux-fid.de/newsletter