Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Politik lehren ohne Gefühl? Eine Analyse von 1.501 Lehrkräftefortbildungen

4. November 2025

Autorin: Marie Heijens

 

 

 

Emotionen in der Fortbildung von Politiklehrkräften: Aktueller Stand und Handlungsbedarfe

Emotionen spielen eine zentrale Rolle in politischen und gesellschaftlichen Prozessen – und sind somit auch für den Politikunterricht von immenser Bedeutung. Während sich die Beforschung von Emotionen sowohl in der Politik- als auch in der Bildungswissenschaft reger Beliebtheit erfreut, stellt sich angesichts zunehmender Polarisierung und emotionalisierter Debatten auch im Klassenzimmer die Frage, ob die Thematik auch in der schulischen Praxis Berücksichtigung gefunden hat – und, ob Lehrkräfte in ihren Fortbildungen ausreichend auf diese Herausforderungen vorbereitet werden. Eine unlängst in der PVS erschienene Analyse des Fortbildungsangebots für Lehrkräfte in Hamburg, Hessen und Thüringen liefert hierzu erste ernüchternde empirische Einblicke.

Gesellschaftliche Polarisierung und schulische Herausforderungen

Politische und gesellschaftliche Themen wie Klimawandel, Migration oder der Krieg in der Ukraine berühren tief und lösen verschiedenste emotionale Reaktionen aus – nicht nur bei Schüler*innen, sondern auch bei den Lehrenden. Die Wissenschaft ist sich längst einig: Emotionen sind keine Störung im politischen Diskurs und dem Lernprozess, sondern unerlässlicher Teil dessen, insbesondere hinsichtlich des Urteilens und Handelns. Wer politische Bildung betreibt, gestaltet (unbewusst oder bewusst) auch emotionale Räume. Deshalb brauchen Lehrkräfte entsprechende Kompetenzen, die über das bloße Vermitteln von Fakten hinausgehen. Sie müssen Emotionen erkennen, verstehen und darauf angemessen eingehen können. Mangelt es an diesen Fähigkeiten, drohen folgenschwere Konsequenzen: Die Unsicherheit im Umgang mit diesen Emotionen kann dazu führen, dass entsprechende Themen und Diskussionen im Unterricht von Lehrkräften bewusst gemieden werden, wodurch den Schüler*innen wichtige Lerngelegenheiten zum Umgang mit Konflikten und Kontroversen von erheblicher gesellschaftlicher Relevanz vorenthalten werden. Ein zentrales Instrument, um dem vorzubeugen stellen Fortbildungen für Lehrkräfte dar. Sie ermöglichen – wie auch in anderen Berufsbereichen – eine kontinuierliche und bedarfsorientierte Weiterentwicklung relevanter Fähigkeiten. Gerade vor dem Hintergrund dynamischer und hochaktueller Themenkomplexe erweisen sie sich damit als besonders geeignetes Mittel viele Lehrkräfte zu erreichen – insbesondere jene, die angesichts emotionalisierter Debatten im Klassenzimmer vor akuten Herausforderungen stehen.

Emotionen als Inhalte von Fortbildungen

Die aktuelle Studie nimmt vor dem Hintergrund dieser Problemlage 1.501 Fortbildungsangebote für Politiklehrkräfte aus den Bundesländern Hamburg, Hessen und Thüringen in den Blick, um die folgenden Fragen zu untersuchen:

  • Wie emotionalisiert sind die Beschreibungen der Fortbildungsangebote?
  • Tauchen Emotionen als explizites Thema in den Fortbildungen auf?
  • Welche Emotionen stehen im Fokus, und wie werden sie eingebettet?

Emotionen als Randthema

Die Auswertungen zeichnen ein klares Bild. Die Auszählung allgemeiner emotionsbezogener Begriffe – etwa Emotion, Affekt, Gefühl oder Empathie – offenbart, dass in lediglich rund 2,5 % der untersuchten Veranstaltungen (37 Angebote) vermeintlich emotionale Aspekte in Erscheinung treten. Weitere Ernüchterung ergibt sich hinsichtlich der tieferen Betrachtung dieser Angebote, denn nur 24 davon – also etwa zwei Drittel – greifen den Themenkomplex tatsächlich inhaltlich auf, während das verbleibende Drittel vorwiegend auf an Werbetexte erinnernde Formulierungen (Lehrkräfte „fühlen sich angesprochen“) zurückgreift. Positiv hervorzuheben bleibt nur die Bandbreite, in der Emotionen in den verbleibenden Veranstaltungen behandelt werden (siehe Abbildung 1).

Abb. 1 Kategorien der Thematisierung von Emotionen in den Fortbildungsveranstaltungen sowie die Häufigkeit ihres Vorkommens in den untersuchten Katalogen

 

 

 

 

 

 
 

Positiv-aktivierend oder vornehmlich Werbung?

Auch die Suche nach konkreten Emotionen – wie etwa Freude, Neugier, Angst oder Hass – deckt Leerstellen auf. Sowohl die Quantität (nur in 28 der 1.501 Angebote konnten Suchtreffer erzielt werden) als auch die Qualität der Thematisierungen lassen sichtlich zu wünschen übrig. So zeigt sich, dass gesellschaftlich virulente Inhalte wie Gedenkstättenbesuche oder Konflikte zwar punktuell Emotionen einbinden, jedoch kaum als Fortbildungsschwerpunkt gesetzt werden. Negative Emotionen wie „Hass“ oder „Angst“ werden vor allem als gesellschaftliche Phänomene thematisiert, selten jedoch in ihrer pädagogischen Bedeutung für das Klassenzimmer sowie die lernenden Individuen oder als Kompetenzfeld der Lehrperson diskutiert.

Die schwerpunktmäßige Thematisierung positiver Emotionen wird darüber hinaus nicht – wie aus pädagogischer Perspektive vielleicht zu erwarten – aus ihrer aktivierenden Wirkung im Lernprozess hergeleitet, sondern vielmehr aus der bereits zuvor festgestellten Werbefunktion für die Veranstaltung selbst oder die darin vorgestellten Bildungsmittel. Spaß und Neugier stehen hier als Versprechen im Fokus. Inhaltlich eingebettet werden nur die Begriffe Hoffnung und Zufriedenheit adressiert, wobei Zufriedenheit ausschließlich in der negativen Form als Unzufriedenheit Verwendung findet, um – ähnlich wie bei den negativen Emotionen – den gesellschaftlichen Zustand in verschiedenen Situationen zu beschreiben.

Bedarf und Perspektiven für die Lehrkräftebildung

Die Ergebnisse verdeutlichen einen erheblichen Nachholbedarf. Trotz der gesellschaftlichen Brisanz bleiben emotionale Inhalte ein Nischenthema in der politischen Lehrkräftefortbildung. Fortbildungen bieten bislang kaum Räume für die Entwicklung emotionaler Kompetenzen, obwohl gerade diese für die Gestaltung eines lernförderlichen und demokratischen Umfelds zentral sind. Lehrkräfte laufen Gefahr, emotionalisierte Themen im Unterricht weiterhin zu vermeiden oder ihnen unsicher gegenüberzustehen, was sich wiederum in negativer Weise auf Urteils- und Handlungskompetenz der Lernenden auswirken kann.

Es bedarf daher einer bedarfsorientierten Erweiterung des Angebots. Fortbildungen sollten gezielt emotionale Prozesse adressieren, zum Beispiel durch Methoden zur Empathieförderung, für den Umgang mit Hass und Wut oder für die Stärkung eigener emotionaler Selbstregulation. Nur so können Lehrkräfte auf die demokratischen Herausforderungen unserer Zeit angemessen vorbereitet werden.

Die Studie legt somit erstmals systematisch offen, wie unterbeleuchtet der Themenkomplex der Emotionen im Bereich der Fortbildungen für Politiklehrkräfte bislang ist. Insbesondere angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und der wachsenden Bedeutung emotionaler Diskurse ist es dringend erforderlich, diese Lücke zu schließen. Zukünftige Fortbildungsangebote müssen die emotionale Dimension viel stärker in den Fokus rücken – zum Schutz und zur Professionalisierung der Lehrkräfte, zur Stärkung demokratischer Werte und zur Sicherung eines respektvollen Diskussionsklimas an Schulen.

Über die Autorin:

Marie Heijens ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt ökonomische Bildung (II) an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.