Das Projektseminar zielt darauf ab, qualitative Forschungstechniken sowohl auf wissenschaftliche Fragestellungen als auch auf Probleme aus der politischen Praxis anzuwenden. Dabei steht die angeleitete, aber selbständige studentische Projektarbeit im Vordergrund. Das zentrale Lernziel ist, dass die Studierenden lernen, wie wissenschaftliche Forschungstechniken ihnen helfen, Probleme zu lösen – sei es bei der Beantwortung einer Forschungsfrage oder bei der Formulierung von Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsträger*innen. Im ersten Teil des Kurses geht es um die Erstellung von Fallstudien zum Überprüfen von Hypothesen/Mechanismen. Hier erfolgt – in Projektgruppen – eine systematische Auseinandersetzung mit dieser qualitativen Forschungstechnik. In dem zweiten Teil des Seminars steht die Bearbeitung von Fallstudien aus dem Bereich der Digitalpolitik im Mittelpunkt. In enger Abstimmung mit Akteur*innen aus der Praxis (Bayerisches Digitalministerium, acatech, Giesecke+Devrient) arbeiten die Studierenden an konkreten Fallstudien, die sie am Ende des Seminars vor Entscheidungsträger*innen vorstellen.
Die drei Hauptlernziele des Projektseminars:
Erfolge des Projektseminars
Erstens erreichte das Seminar die selbst gesteckten Lernziele. Dies wurde sowohl in der Nachbesprechung als auch in den Studierenden-Evaluationen deutlich.
Zweitens gelang es, sieben von acht Projektleitungspositionen durch weibliche Studierende zu besetzen. Dies hat positiv zur Gruppendynamik über das Semester hinweg beigetragen.
Drittens zeugten die ‚Endprodukte‘ von großer Qualität, aber auch Kreativität. Die Abschlusspräsentationen im Ministerium begeisterten alle Projektpartner*innen – inkl. dem Bayerischen Digitalminister. Autorisierte Testimonials der Beteiligten sind beigelegt.
Alleinstellungsmerkmal in der politikwissenschaftlichen Lehre in Deutschland
Viele Studiengänge bieten inzwischen Veranstaltungen dazu an, die Studierenden für berufliche Aufgaben in der politischen Praxis vorzubereiten. Diese bestehen häufig darin, (ehemalige) Entscheidungsträger*innen in den Ablauf des Seminars (z.B. durch Vorträge, Q&As, etc.) zu integrieren. Solche Veranstaltungen habe ich mehrfach durchgeführt. Die Studierenden fanden dies in der Regel auch sehr hilfreich und interessant. Was jedoch stets angemerkt wurde, war, dass sie sich schwer damit taten, eine systematische Verbindung zu ihrem eigenen Studium herzustellen: „Warum soll ich dann morgen die Theorie X lesen oder die Methode Y lernen?“ Um diese Fragen zu beantworten, habe ich diesen Kurs entwickelt.
Auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen in der Politikberatung in Deutschland und in der Schweiz erinnerte ich mich, dass ich v.a. von Forschungsdesign-Kursen und qualitativen Fallstudienmethoden profitierte. Warum? Weil diese Instrumente mir halfen, ein Problem einzugrenzen, die stärksten Problemtreiber herauszufiltern und vereinfachende Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge aufzustellen. V.a. leiteten sie die umfangreichen Recherchen an, um eine fundierte Antwort auf eine Frage zu geben. Aus diesem Grund entwarf ich zwei Phasen des Seminars. Erstens machte ich eine Kurz-Einführung in Konzeptualisierung, Fallauswahl oder Hypothesenformulierung und ging dann detaillierter in die Technik ‚Prozessanalyse‘ (nach Beach/Pedersen) ein. Hier lernten die Studierenden, wie eine komplexe Realität zu vereinfachen und zu strukturieren ist, was man dabei beachtet und wie man politische Prozesse aus einer mechanistischen Perspektive untersucht. Zweitens hatte ich seit Frühjahr 2024 Kontakte zu Entscheidungsträger*innen aufgebaut und hielt diese an, ein echtes Problem aus ihrer beruflichen Praxis so zu formulieren, dass es für die Studierenden bearbeitbar wird und v.a. auch, dass die Aufgaben untereinander in Umfang und Anspruch vergleichbar sind.
Über den Lehrenden:
Moritz Weiss lehrt und forscht zu internationaler Sicherheit, vergleichender politischer Ökonomie und Digitalpolitik am Geschwister-Scholl-Institut der LMU München.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2025 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Carmen Wunderlich für ihr Lehrprojekt „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ im Wintersemester 2024/25 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: